Text & Foto: Udo Ebert http://m.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/Ein-Gluecksfall-Die-Performance-Installation-Before-I-die-im-Ulmer-Stadthaus;art1222880,3938356

 

So viele intensive Bilder und getanzte Emotionen, so harte und ergreifende körperliche Statements und eine derart starke Musik in gebündelter Form, das will erst einmal verarbeitet sein – oder mit syrischer Freudenmusik aufgelöst werden. Über Monate hinweg war man in Ulm und Neu-Ulm auf die Performance-Installation vorbereitet worden, nun also bekam man im Stadthaus das Ergebnis von einem Jahr intensiver künstlerischer Arbeit und Recherche geboten. Und es war in jeder Minute spürbar, wie sehr sich die Protagonisten mit der Flüchtlingsthematik, aber auch mit dem Sinn und den Zufällen des Lebens auseinandergesetzt haben, durch die Mauern aufgeschichtet oder deren Nähe spürbarer wird.

Am Ende war das von der Künstlergruppe Moving Rhizomes um Pablo Sansalvador und Cecilia Espejo in Gang gesetzte Langzeit-Projekt, das dank der Unterstützung beider Donaustädte, durch Crowdfunding, aber vor allem durch den enormen Einsatz aller Beteiligter und ehrenamtlicher Unterstützer realisiert wurde, weit mehr als nur ein künstlerisch aufgeblasene Flüchtlingsaktion. Ein wirklicher Glücksfall, dieses integrative Kunstereignis, das auch dem Stadthaus die Möglichkeit bot, all seine Stärken auszuspielen.

Ideal schon die Situation mit drei Bühnen im Saal und Überraschungseffekt vom Balkon. Zwei Welten, die so wunderbar funktionieren – getrennt voneinander. Die industriell geprägte, mit kantigen Bewegungen dargestellte, vermeintliche Erste Welt: quadratisch, praktisch, perfekt. Dagegen das körperlich geprägte, emotional getragene und religiös verklärte Gegenüber. So nah und doch so fern. All das von einer Komposition des Ulmer Elektronik- und Field-Recording-Könners  Andreas Usenbenz angetrieben. Geradezu famos, wie er den dramaturgischen Überbau musikalisch spürbar machte: mit Industrial-Sounds, bearbeiteten Fetzen von Original-Gesängen und Beats, mit Techno-Opulenz hin zum Siedepunkt einer Verschmelzung der Kulturen und Werte.

Schon als sich das Tor des Saals für Tänzer und Publikum öffnete, war das eine abendfüllende Performance mit eindrucksvollen Visual-Momenten und starken choreografischen Elementen gewesen, die in den Szenenwechseln immer mehr Fahrt aufnahm und sich verdichtete. Und das mit von verschiedensten Compagnien angereisten Tänzern, die nur zehn Tage Zeit hatten, diesen technisch wie inhaltlich so anspruchsvollen Brocken zu stemmen. Alle Achtung vor dieser Leistung, denn dieser Tanz berührte – und wie.

Draußen im Treppenhaus ging es weiter: mit Schattenspielen, Visualisierungen und Choreografien, in denen Flüchtlinge, die lange in Workshops auf diesen Auftritt vorbereitet worden waren, sich als Gruppe auf ihren Weg machten – gegen alle Widerstände. Erneut starke Bilder von unendlicher Kraft, aber auch von Verlust und Grenzerfahrungen. Am Ende im Dunkel die Männer regungslos – in ihren Händen tönte aus kleinen Lautsprechern jeweils ihre ganz persönliche Odyssee. Bleibende Eindrücke, die am Ende auf der Dachterrasse, später im Café mit traditionellen Liebesliedern und Freudengesängen der Akteure zumindest ein wenig aufgelöst wurden. Anderthalb Stunden, die wie im Flug vergingen und mit einem Konzert von „Agente Costura & Los Schneiders“ abgerundet wurde. Eine gewaltige Anstrengung, die mit lautem Beifall belohnt wurde.

Info Heute, Samstag, 21 Uhr, ist „Before I Die“ noch einmal im Stadthaus Ulm zu sehen. Alle Einnahmen fließen zu 100 Prozent in Flüchtlingsprojekte.

 

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